Die Papierherstellung

Zutaten für die Papierherstellung: pflanzliche Fasern, mineralische Füllstoffe, pflanzliche Stärke und tierischer LeimZunächst werden die Zutaten abgewogen und bereitgestellt.

Den Löwenanteil machen die pflanzlichen Fasern aus. Hier kann man natürlich Zeitungs- oder benutztes Schreibpapier nehmen, auch alte Eierkartons eignen sich dazu; das handgeschöpfte Papier daraus sieht dann meist wegen der Druckertinte und Farbe gräulich aus, auch wenn man die Masse vorher auskocht und den Farbbrei von der Oberfläche abschöpft. Wirklich weisse Papiere erhält man nur mit unbenutzem, weißen Papier.

Für das Gürtelbuch wollte ich aber authentischeres Material haben, also habe ich nach meinen Anfangsversuchen mit Schreibpapier mit Baumwollfasern (Linters) experimentiert. Das Ergebnis war superweich und kuschelzart, leider auch sehr saugfähig und wenig reißfest. Beimischungen von normalem Schreibpapier machten das Papier zwar für meine Zwecke ein kleines bisschen geeigneter, aber eben auch weniger "original mittelalterlich". Nach etlichen Versuchen und einer freudig lächelnden LARPerin, die meine "misslungenen" Papiere dankbar entgegennahm, bin ich schließlich bei einer Hanf-Baumwoll-Mischung ausgekommen, die stabile aber nicht brettharte Papiere liefert.

Weitere Zutaten sind mineralische Füllstoffe wegen der besseren Beschreibbarkeit, pflanzliche Stärke und tierischer Leim. Ich habe sowohl die mittelalterliche Variante Knochenleim als auch die moderne Form Gelatine ausprobiert. Duftmäßig wäre der Gelatine natürlich der Vorzug zu geben, auch wenn's nicht ganz authentisch ist.

Eine moderne "Papiermühle"Die ganze Mischung wird eingeweicht und einige Zeit stehen gelassen, damit sich die Pflanzenfasern leichter zerfasern lassen. Früher wurden die für die Papierherstellung verwendeten Lumpen mehrere Tage lang eingeweicht. Damals nannte man das "mazerieren",  - im Prinzip heißt das, die feuchten Lumpen etliche Tage einweichen (und dabei faulen) lassen.

Nun kam bei mir - anders als bei den Papiermühlen im Mittelalter - raffiniertes elektrisches Gerät ins Spiel.

Küchenmixer?

Oder Pürierstab?

Für größere Mengen ist der Küchenmixer natürlich besser, aber auch da gibt es Grenzen, die man ausprobieren sollte. Lieber die Papiermischung in mehreren Portionen zerfasern. Das Ganze sollte nachher die Konsistenz von Babybrei haben.

Nun wird mit Hilfe eines Siebes und Rahmens das Papier hergestellt. Die allgemein bekannte Methode ist die des Schöpfens. Dabei wird ein flacher Schöpfrahmen mit einem Sieb senkrecht in eine Bütte voll Faserbrei getaucht, waagerecht gedreht, leicht geschüttelt und aus der Bütte gehoben. Im flachen Rahmen sammelt sich ein bestimmtes Volumen an Faserbrei, das man abtropfen lässt, bevor man es auf eine saugfähige Unterlage stürzt, ggfs presst und trocknen lässt. Anleitungen dazu gibt es reichlich im Internet, auch als Videos auf entsprechenden Webseiten.

Der Nachteil dieses Verfahrens ist die schwankende Konzentration der Pflanzenfasern im Faserbrei. Die mittelalterlichen Papiermacher hatten jahrelange Erfahrung damit und waren wohl besser als ich in der Lage, trotzdem einigermaßen gleichmäßig dicke/starke Papiere herzustellen. Ich war absolut nicht zufrieden damit, in einem Schöpfgang sehr unterschiedliche Papierqualitäten zu bekommen. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen.

Oder eigentlich nicht...

Pulpe in einer Schöpfbox...denn es gab schon zu Vorzeiten eine zweite (wenn auch zeitaufwendigere) Methode, die meines Wissens nach u.a. in Japan angewendet wurde. Dabei wurde das Papier nicht aus dem Brei heraus geschöpft, sondern eine bestimmte Menge Brei wurde auf ein Sieb in einem Rahmen gegossen. Damit ist es möglich, Blatt für Blatt eine einigermaßen gleichmäßige Papierqualität zu erreichen. Der Vorgang danach ist identisch mit der eben beschrieben Methode. Im Prinzip ist die heutige Massen-Papierherstellung auch nicht sehr viel anders.

Für mich hieß das, für jedes Blatt eine bestimmte Menge Faserbrei abzumessen und meinen selbstgebauten, hohen Schöpfrahmen (eigentlich mehr eine Box) zunächst einmal in ein Becken mit warmem Wasser zu stellen. Ich finde, dass sich der Faserbrei in kaltem Wasser schlechter verteilt, außerdem ist warmes Wasser wesentlich angenehmer  Abgemessene Menge Faserbrei in die Box gießen, leicht mit der Hand verteilen, Rahmen langsam herausheben, kurz abtropfen lassen, auf eine saugfähige Unterlage (alte Handtücher oder ähnliches) legen und Rahmen vom Sieb lösen.

Frisch gestürztes, noch sehr wasserhaltiges Blatt PapierNach diesem Vorgang sieht es aus wie auf dem Bild rechts. Noch ist die Fasermasse weich und matschig. Jetzt wäre die Zeit, eventuelle Zusatzstoffe wie Blütenblätter, Fasern, Kräuter, etc. aufzustreuen. Für das Gürtelbuch kam das allerdings nicht in Frage.

Papierpresse "in action"Als nächstes wird das Sieb auf ein weiteres saugfähiges Tuch gestürzt, kurz mit einem Schwamm abgetrocknet und vom Papier abgehoben. Zusammen mit einem dritten saugfähigen Tuch und zwei stabilen Brettern kommt das Ganze dann in die Presse oder unter mehrere schwere Bücher. Die Rubens-Menschen unter uns stellen sich einfach drauf.

Dann muss man nur noch warten, bis nichts mehr tropft. bereits ausgepresstes aber immer noch feuchtes Blatt PapierEin oder zwei alte Handtücher unter der Presse erfüllen da einen sehr guten Zweck. Das Resultat ist immer noch nass und empfindlich, sieht aber einem Blatt Papier schon viel ähnlicher.

Handgeschöpftes Papier auf der TrockenleineDann muss das Papier erst einmal getrocknet werden. Zuerst habe ich es über Wäscheleinen gehängt, fand den Knick bei der Weiterverarbeitung aber sehr störend. Also habe ich die feuchten Blätter sehr vorsichtig glatt auf Handtücher gelegt. Nach dem Trocknen waren sie zwar auch wellig, aber damit konnte ich leben.

Um das Papier für meine Zwecke geeigneter zu machen, habe ich es nach dem Trocknen noch mit einer Stärke-Leim-Mischung getränkt, leicht gepresst und wie oben beschrieben noch einmal getrocknet. Die Papiermacher des Mittelalters haben zum "Leimen" allerdings keine Farbrolle benutzt. Eine von mehreren Möglichkeiten, Papier zu leimenDort stand in einem separaten Raum ein großer Bottich mit vielen Dutzend Litern Knochenleim. Die trockenen, ungeleimten Blätter wurden mit zwei Hölzern gepackt und in den flüssigen, warmen, "aromatisch duftenden" Knochenleim getaucht. Anschließend wurden sie wieder gepresst, getrocknet und geglättet. Nachdem mir bei einer ähnlichen, kleiner dimensionierten Aktion die Hälfte der Papiere zerrissen ist, habe ich mich für die etwas zeitaufwendigere aber halbwegs idiotensichere Farbrollen-Methode entschieden. Meine Familie war mir sicherlich auch dankbar, dass ich keinen Bottich mit Knochenleim herumstehen hatte, sondern einen verschließbaren Behälter.

Nach etlichen Stunden und einem abschließenden Glättvorgang war ich dann endlich soweit, dass ich einen Stapel brauchbarer Papiere für das Gürtelbuch mein Eigen nannte. Wo waren noch mal meine Pinsel...?

 

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