Das Buch wird geheftet

Ungehefteter Papierstapel, Heftlade und ZubehörMan kann Bücher auch nur mit Nadel und Faden binden, aber wenn man auf Schnur oder Band heftet, ist eine Heftlade schon praktisch. Es gibt sehr schöne fertige Heftladen zu kaufen, und meine selbst gebaute sieht auch nicht annähernd so toll aus wie eine professionell von einem Handwerker hergestellte Lade, aber sie erfüllt ihren Zweck. Und darauf kommt es an.

Außer der Heftlade brauchte ich einen passenden Heftfaden; dafür habe ich mir naturfarbene Flachsschnur besorgt. Eine gebogene statt einer geraden Nadel erleichtert das Heften zusätzlich. Solche Nadeln gibt es außer im Buchbinderfachbetrieb auch in den Kurzwarenabteilungen diverser Kaufhäuser in einem "Handwerkernadel"-Sortiment. Vielleicht nicht gerade eine "original Buchbinder-Nadel", aber auch sie erfüllt ihren Zweck. Es geht aber auch mit einer geraden Nadel.

Dann natürlich die zu heftenden Blätter, hier 8 Heftlagen mit je zwei Blättern, und je eine leere Heftlage und ein handmarmoriertes Blatt vorne und hinten.

Was fehlte noch? Die Schnur oder das Band, auf die geheftet wird. Im Mittelalter wurden meist Hanfschnur oder Leinenband verwendet. Ich habe allerdings das benutzt, was ich schon hatte, die Flachsschnur. Nun war diese für diesen Zweck allerdings zu dünn. Es gibt verschiedene Methoden, eine Kordel daraus herzustellen. Mehrere Fäden zu einer Kordel drehen oder einen Zopf flechten waren die Methoden, die mir aus Schulzeiten spontan einfielen. Ich habe mich letztendlich für die Fingerschlingen-Flechttechnik (auch Fingerloop genannt) entschieden, mit der im Mittelalter u.a. Nestelbänder als Gewand-Schnürungen erstellt wurden, und drei entsprechend lange Kordeln geflochten, die dann doppelt gelegt in der Heftlade aufgespannt wurden.

Damit hatte ich erst einmal alles zusammen, was ich für das Heften der Blätter benötigte.

pruente-buchbinden-2Zuerst habe ich die Heftlagen aufeinander gelegt und noch einmal die richtige Reihenfolge kontrolliert, sicherheitshalber. Als nächstes habe ich mir die Heftfäden zugeschnitten und durch ein Stück Bienenwachs gezogen. Das verhindert, dass der Faden beim Heften anfängt auszufasern. Außerdem sollte man aus dem gleichen Grund nicht zu lange Stücke Heftfaden verwenden.

Ich hatte mich für erhabene Doppelbünde entschieden, deswegen  sind alle Heftkordeln doppelt gelegt (siehe Grafik aus Wikipedia).

Die ersten Lagen des Gürtelbuchs werden geheftetBegonnen habe ich bei der letzten Lage. Von außen durch eins der äußeren Löcher (Fitzbund), dann von innen durch das nächste Loch und zwischen der doppelt gespannten Flachskordel hindurch, unter der Heftlage hinter der Flachskordel her, dann von außen zwischen der doppelt gespannten Flachskordel durch das Ausstichsloch wieder nach innen, und weiter zum nächsten Loch. Am Ende der Reihe wird der Heftfaden mit der vorigen Lage durch einen Schlingknoten, den sogenannten Fitzknoten, verbunden. Irgendwann ist der Heftfaden dann zu Ende, und man knotet den neuen Faden in der Regel am Fitzbund an.

Der Buchblock des Gürtelbuchs ist komplett geheftet.Reihe um Reihe habe ich die Heftlagen aufeinandergelegt und geheftet, bis alle Lagen miteinander verbunden waren, an den Rändern durch die Fitzbünde, innen durch die Doppelbünde.

Zum Schluss habe ich die Heftkordel abgeschnitten und an den Schnittstellen mit ein wenig Klebstoff vor dem Auffasern geschützt. Damit war dieser Teil der Heftung abgeschlossen... und ich erleichtert, dass alles bis jetzt so gut geklappt hatte. Das Ganze sah jetzt zum ersten Mal wirklich nach einem Buch aus, und nicht mehr nur nach einem Stapel bemalter Blätter.

Der Buchblock des Gürtelbuchs sieht nun fast schon aus wie ein Buch.Die übrig gebliebene Heftkordel habe ich für einen späteren Arbeitsschritt zur Seite gelegt, und die nächsten Schritte dann bei Tageslicht in Angriff genommen.

Als nächstes habe ich den Buchblock, soweit dies mit den unregelmäßigen Büttenrändern möglich war, gerade gestoßen und in eine Presse gespannt. Dann habe ich den Buchrücken geleimt und trocknen lassen. Zur Verstärkung kamen noch kleine Stücke Heftgaze darauf. Der Kleber ist doch ziemlich wasserhaltig, daher musste das Ganze  eine Zeitlang in der Presse trocknen.

Leimen des Buchrückens mit den drei DoppelbündenEigentlich hätte ich nach dem Trocknen des geleimten Rückens meinen Buchblock beschneiden müssen. Ein sauberer, glatter Buchschnitt schützt den Buchinhalt vor Staub und Schmutz. Da ich aber (noch) keinen Beschneidehobel mein Eigen nenne, frühere Versuche mit Cuttermesser und Lineal auch keine wirklich befriedigenden Ergebnisse gebracht hatten und das Buch aufgrund seines besonderen Einbandes sowieso nicht "normal" (hochkant) im Regal stehen wird, habe ich mich dazu entschlossen, den natürlichen, ungleichen Büttenrand der Blätter mit allen Fehlern und Unregelmäßigkeiten zu belassen.

Wikipedia: verschiedene SchnittverzierungenDa ich meinen Buchblock nicht beschneiden wollte, brauchte ich mir auch keinerlei Gedanken über eine Schnittverzierung zu machen. Obwohl... ein Silber- oder Goldschnitt oder ein marmorierter Buchschnitt hat auch seinen Reiz, und auf einer (leider englischen) Webseite habe ich fantastische Buchschnitt-Malereien (auch Fore edge painting genannt) gesehen. Eins nach dem anderen, vielleicht beim einem der nächsten Projekte.

Das Kapitalband

Das Kapitalband ist das farbige Bändchen, das bei Büchern an der Ober- und Unterkante des Buchrückens angeklebt ist. Ursprünglich wurde der Heftfaden um ein Leder- oder Pergamentstück gewickelt und umknüpft, um ein Einreißen der Heftlagen beim Heftvorgang zu verhindern. Später wurde das Kapital aus einem Seiden- oder Leinenfaden separat gestochen und gewickelt. Heutzutage werden die fertig gewebten Kapitalbänder vom Buchbinder gekauft, in entsprechenden Längen abgeschnitten und an die Ober- und Unterkante des Buchrückens angeklebt.

Handgestochenes Kapital aus FlachsgarnDas handgestochene Kapital war der Teil, über den ich mir am meisten Sorgen machte. Ich habe etliche Anleitungen gelesen und mir kurze Videos angesehen über diesen Arbeitsgang, aber egal wie oft ich meinem ausgewählten Faden die Bücher und Videos zeigte... der Faden hatte bei Probebüchern seinen eigenen Kopf und seine eigenen Wege. Und dabei steht in dem ansonsten sehr hilfreichen Fachbuch "Der Bucheinband" von Fritz Wiese "Die hier wiedergegebene Weise des Bestechens ist keineswegs die einzig mögliche, aber ich bevorzuge sie insofern, als auch weniger Geschickte sie sich bei einiger Übung aneignen können." Weniger Geschickte...? Meinte er jetzt mich oder den Faden? Na toll...

Gut, ich hätte ja den geraden und einfachen Weg des modernen, angeklebten Kapitalbandes gehen können, aber warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? Mein rheinischer Dickschädel, der mehr als ein Vierteljahrhundert im sturen Westfalen gelebt hat, lässt sich durch einen widerspenstigen Faden doch nicht aus dem Konzept bringen... Wäre doch gelacht!

Zunächst einmal habe ich zwei Stücke der übrig gebliebenen Heftkordel mit ein wenig Stärkekleister eingerieben, um sie etwas stabiler zu machen. Mit der Ahle wurden die Löcher der Fitzbünde nachgestochen, um später mit der Nadel leichter hindurch zu kommen. Aus dem gleichen Grund wurden als dritter Vorbereitungsschritt Pappstücke in die Mitte der Heftlagen gelegt und mit Leimzwingen zusammen gehalten. Damit blieb der Buchblock selbständig aufrecht stehen und ich hatte beide Hände frei.

Im Mittelalter benutzten die Buchbinder für das Kapital meist farbige Seidenschnüre oder naturfarbenes Leinengarn. Ein zwei- oder mehrfarbiges Kapital aus Seidengarn hätte sicherlich besonders schön ausgesehen, aber ich stand mit dem rutschigen Seidenband doch noch auf Kriegsfuß, also habe ich dafür das gleiche Flachsgarn benutzt wie für die Heftung.

Der Buchrücken ist bei diesem Arbeitsschritt vorne. Zuerst wird vom Rücken aus eingestochen und der Faden bis etwa zur Mitte durchgezogen. Verwendet man zwei verschiedenfarbige Fäden, wäre hier der Knoten. Die Fäden werden am oberen Blattrand vorsichtig miteinander verknotet und die Kordel angelegt. Man beginnt am äußersten Fitzbund-Loch rechts und arbeitet sich nach links vor.

Der erste Faden wird nach rechts hinten gelegt. Den zweiten Faden von rechts nach links über den ersten Faden ziehen, dann unter der Kordel hindurch, anschließend legt man den Faden nach hinten über, dann nach vorne unter, dann wieder nach hinten über die Kordel und zieht ihn noch einmal vorsichtig aber fest nach rechts hinten an. Dann zieht man den ersten Faden von rechts nach links über den zweiten Faden, zieht ihn unter der Kordel hindurch, anschließend legt man den Faden nach hinten über die Kordel, sticht von innen durch das Loch in einer Heftlage nach vorne, legt den Faden dann wieder nach hinten über die Kordel und zieht ihn noch einmal vorsichtig aber fest nach rechts hinten an.

Das wiederholt man so lange, bis man sich durch alle Heftlagen bis zum linken Rand gearbeitet hat. Die beiden Fäden vorsichtig aber fest auf dem Buchrücken (nicht am oberen Blattrand) miteinander verknoten. Buch umdrehen und das untere Kapital arbeiten, fertig. Für's erste gelungene Kapital sieht mein Kapital ganz brauchbar aus; meine Mutter würde sagen "Nicht schön, aber selten".

Damit wäre der Buchblock geheftet; die Einbanddecke ist der nächste Schritt.

 

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