Die meisten Menschen wissen mit dem Begriff Gürtel- oder Beutelbuch nichts anzufangen. Woher auch? Dies ist eine besondere Buchform, die vor 400 bis 600 Jahren in Mode war und danach bis auf ganz wenige funktionsfähige Restexemplare (weltweit sind nur noch etwa zwei Dutzend bekannt) verschwunden ist. Selten waren diese Bücher jedoch nicht, wie man auf Grund der vielen Abbildungen auf zeitgenössischen Kunstwerken erkennen kann.
Ein Gürtel- oder Beutelbuch ist, wie man auf den Wikipedia-Illustrationen erkennen


kann, ein Buch mit einem besonderen Einband. Während bei den meisten Büchern der Einbandstoff oben, vorne und unten um die Einbanddeckel geschlagen und festgeklebt wird, geschieht dies bei dieser Art von Buch nur oben und vorne; unten hängt der Einbandstoff (in diesem Fall meist Leder) um die anderthalb- bis zweifache Länge herunter und wird von einem Knoten am unteren Ende zusammen gehalten. Diesen Knoten steckte man sich damals hinter den Gewandgürtel, wodurch das Buch wie ein Beutel vom Gürtel herabhing; daher die beiden gebräuchlichen Namen Gürtelbuch oder Beutelbuch. Auf diese Art konnte man ein solches Buch mit sich herumtragen, kopfüber am Gürtel hängend. Als Bücher nicht mehr liegend sondern stehend aufbewahrt wurden, störte der herabhängende Lederlappen und wurde kurzerhand abgeschnitten und für andere Zwecke wieder verwendet. Deswegen findet man heute auch kaum noch funktionsfähige Exemplare, obwohl man bei manchen Büchern immer noch erkennen kann, dass auch sie einmal ein Gürtelbuch waren.

Warum habe ich nun ein solches Buch hergestellt? Zum einen wollte ich für einen Bücherabend des
Werler Arbeitskreises für Familienforschung am 18. Juni 2009 ein außergewöhnliches Buch als Anschauungsmaterial herstellen, das zum zweiten thematisch und zeitlich zum
Soester Event "Soester Fehde" vom 15.-23. August 2009 passte, und zum dritten auch noch einen nützlichen Zweck erfüllt,e nämlich durch eine Auktion Geld für die Aktion
"Nachbar in Not" zusammen zu bekommen.

So ist nun dieses
Gürtel- oder Beutelbuch entstanden, ein Buch aus handgemachtem Papier, handillustriert u.a. unter Verwendung einer nach (um etwa 1100 entstandenem) Originalrezept hergestellten Pflanzentinte (
Dornrindentinte), mit echten Doppelbünden und handgestochenem Kapital, handmarmoriertem Vorsatzpapier, eingebunden in Leder mit einer Schließe. Solch ein Buch, mal mehr, mal weniger illustriert, ließ sich durch seine besondere Einbandform leicht auf Reisen mitnehmen; Mönche hatten ihr Brevier griffbereit, Adelige konnten mit kostbaren Stundenbüchern angeben, und der Kaufmann trug sein mittelalterliches "Note-Book" bei sich. Die Vorzüge eines Buches mit massiven Holzdeckeln, Metallbeschlägen und einem "Griff zum Anfassen" auf unsicheren Reisepfaden möchte ich Ihrer Fantasie überlassen.


Ein solches Buch mag durchaus am Gürtel begüterter Bürger vor und während der Soester Fehde gehangen haben. Hiermit bot sich die Möglichkeit, dieses handgemachte Unikat zu ersteigern, mit diesem eine authentische Gewandung für die Soester Fehde aufzuwerten und gleichzeitig etwas Gutes zu tun, denn der Gewinn ging ganz an die Aktion "Nachbar in Not".
Übrigens: es wird gemunkelt, der Bocksbeutel hätte seinen Ursprung im Buchbeutel der Mönche...
Die Herstellung habe ich Schritt für Schritt dokumentiert, um einerseits zu Gunsten der Aktion "Nachbar in Not" Interesse an diesem Buch zu wecken, andererseits aber auch andere Menschen dafür zu begeistern, sich einmal in historischen Techniken wie Papier- und Tintenherstellung sowie Buchmalerei und -binderei zu versuchen. Wenn man den Anspruch aufgibt, "perfekte" langweilige Einheitsware aus Massenproduktion kopieren und herstellen zu wollen, kann man sich statt dessen auf liebevoll hergestellte Unikate mit Charakter freuen. Wer an den einzelnen Schritten der Herstellung interessiert ist, kann im Menü auf der rechten Seite den oder die ihn interessierenden Punkte anklicken.